„Kampfkunst? Ich würde ja gerne, aber ich trau mich nicht …“

„Kampfkunst? Ich würde ja gerne, aber ich trau mich nicht …“

Offene Worte von Nicole Zieseniss, Miteigentümerin von Kampfkunst-Kempen.de | Schnell & Zieseniss GbR

„Ich würde ja gerne, aber …“ – Dieser Satz fällt sehr oft und jedes Mal erkenne ich mich selbst darin wieder. „Ich würde ja gerne Kung Fu machen, aber ich trau mich nicht.“

So ähnlich begann auch meine erste Mail, die ich im Jahr 2010 an meinen Sifu geschickt hatte. Ich hätte ja gerne persönlich mit ihm gesprochen, denn seit einem halben Jahr war er damals Sifu von meinem Kleinen Drachen Kiran – aber ich habe mich nicht getraut. Warum eigentlich nicht? Nun ja, einem mehrfachen Weltmeister zu gestehen, dass man als übergewichtige Mittdreißigerin mit gerade mal ausreichenden Schulnoten im verhassten Fach Sport liebend gerne eine Kampfkunst erlernen würde … das kostet schon Überwindung. Wahrscheinlich fielen deshalb auch Worte wie „irgendwann mal“ oder „wenn ich etwas mehr abgenommen habe“. Ich hatte einfach Angst, mich zu blamieren. Ich hatte Angst vor negativer Rückmeldung, vor Worten, die ich in meinem Leben schon so oft gehört hatte: „Das schaffst du nicht!“

Umso überraschter war ich von der ausführlichen Antwort, von der ich noch heute einen bestimmten Satz im Hinterkopf behalten habe:

„Wenn du es jetzt nicht machst, dann machst du es nie!“

Genau das war der Satz, der mich dazu brachte, mich für den Kung Fu Kurs anzumelden. Nicht „irgendwann mal“, sondern sofort! Und das war gut so, denn:

✔ Kampfkunst holte mich als alleinerziehende Mutter zurück in das Arbeitsleben.
✔ Kampfkunst unterstützt(e) mich bei der Wertevermittlung und Charakterbildung meines Sohnes.
✔ Kampfkunst erfüllte mir sogar den Traum davon, Verlagsautorin zu sein.

Doch die mit Abstand größte und beste Veränderung:

✔ Kampfkunst schenkte mir eine zweite Familie.

Überwindung ist kein einmaliger Akt, es ist ein dauerhafter Prozess

Kampfkunst
„Ich hätte ja schon Lust auf Kickboxen!“ – und prompt findet man sich in der ersten Prüfung wieder.
Natürlich sprang ich nicht so hoch wie jüngere Schüler, natürlich sah es bei mir nicht so elegant, eindrucksvoll und sauber aus wie bei einem Schwarzgurt – aber das musste es auch gar nicht. Wir stellen uns oft vor, dass die Menschen in unserer Umgebung perfekter sind als wir: „Die anderen Teilnehmer sind bestimmt viel besser als ich!“ Und selbst wenn? Na und? Meine wichtigste Lektion in der Kampfkunst war: Es geht überhaupt nicht darum, irgendwelchen Anforderungen zu genügen. In den Prüfungen geht es nicht darum, am höchsten zu springen oder die beste Kondition zu zeigen. Es geht nicht um Superlative, sondern vielmehr darum, eigene Grenzen zu überwinden. Es geht darum, jeden Tag ein bisschen besser zu werden. Gerade in den Kursen der Erwachsenen – und das sind erfahrungsgemäß die Interessenten mit den stärksten Zweifeln – werden individuelle Voraussetzungen und Einschränkungen durchaus wahr- und vor allem ernstgenommen. Knieprobleme, Rückenschmerzen, Übergewicht, Untergewicht, Asthma, Gewalterfahrungen usw. – all das wird im Unterricht wie auch in den Prüfungen berücksichtigt. Trotzdem bleiben die Prüfungen für jeden Teilnehmer in gleichem Maße anspruchsvoll, denn jeder Einzelne stellt sich seinem größten Gegner: SICH SELBST!

Dennoch sieht mich kaum jemand auf der Matte … was also ist passiert? Nun, um ehrlich zu sein, ich würde ja gerne, aber …

Vor ca. fünf Jahren hatte ich meine Gewichtszunahme nicht mehr unter Kontrolle. Schuld war eine spät erkannte Schilddrüsenerkrankung. Heute nehme ich Medikamente, um nicht weiter zuzunehmen – doch ein Blick in den Spiegel genügte, um mich trotz der Liebe und Leidenschaft für Kung Fu von den Matten zu entfernen. Ausgerechnet zu dieser Zeit machte ich eine Umschulung zur Sport- und Fitnesskauffrau, und natürlich wurde mir mal mehr und mal weniger deutlich vermittelt, dass ich die vermutlich ungeeignetste Person wäre, um im Sportbereich tätig zu sein. Dazu kamen eher unbedachte Äußerungen, die mitunter gar nicht böse gemeint waren, aber trotzdem treffen konnten:

✧ So sagte ein Fitnesstrainer: „In unser Fitnessstudio kommen natürlich auch dicke Menschen, die denken, sie könnten mal etwas abnehmen. Natürlich schaffen die das nie!“

✧ Ein Taxifahrer meinte im Brustton der Überzeugung: „Ich kann mit bloßem Auge sehen, ob ein Mensch dick ist, weil er krank ist oder weil er einfach zu viel isst!“ (Kurze Randbemerkung: „isst“ war nicht das Wort, das er benutzt hatte.)

Es ist wohl so: Jeder scheint sich mit seinen eigenen, ganz persönlichen Geistern auseinanderzusetzen. „Ich bin doch schon zu alt.“ – „Ich bin viel zu unsportlich.“ – „Ich kann das doch nicht.“ – „Was sollen die anderen von mir denken …“

Zeit für einen Wendepunkt!

Kampfkunst
Ausflug auf die Geierlay Hängeseilbrücke im März 2018 – mit Höhenangst
Ja, es ist schon vorgekommen, dass mich Leute komisch angeschaut haben, wenn sie mich von außen durch das Fenster trainieren sahen – aber die wissen auch nicht, wie hoch mein Rundtritt ist. 😉 Ja, es gab schiefe Grinser, wenn ich erklärte, dass ich im Sport arbeite – aber diese Menschen wissen auch nicht, dass ich trotz aller physischen Hürden einen Abschluss zur Sport- und Fitnesskauffrau (IHK) gemacht habe und jetzt sogar noch einen draufsetze, indem ich die Ausbildereignungsprüfung anvisiere.

Es ist doch so: Ich liebe Kung Fu, ich liebe die Arbeit in der Kampfkunst. Ich liebe es, weil wir Kindern und Jugendlichen auf so vielerlei Arten zu einem optimalen Start ins Leben verhelfen können. Ich liebe es, weil ich mich auch selbst positiv entwickle. Ich liebe es, weil mir niemand sagt, dass ich meine Ziele nicht erreichen kann. Wir alle werden akzeptiert, so wie wir sind – mit all unseren Fehlern und angeblichen Makeln. Wir werden respektiert für die Arbeit und die Mühe, die wir uns geben, um in der Kampfkunst (und damit auch im Leben) vorwärts zu kommen. Jeder, wirklich jeder, hat die Chance, eines Tages ein Schwarzgurt zu werden – niemand muss dafür ein Jackie Chan oder Jet Li sein. Schließlich bedeutet „Kung Fu“ nicht „begnadetes Talent“, es bedeutet „etwas durch harte Arbeit erreichen“!

Ich habe wieder angefangen, zu trainieren. Ich habe viel vom Programm vergessen, doch mein Körper erinnert sich an immer mehr, solange mein „Ich-kann-das-nicht“-Kopf ihn nicht blockiert. Und ich habe diesen Text geschrieben, denn ich möchte jeden, der sich darin wiederfindet, einladen, über den eigenen Schatten zu springen. Wenn jemand von euch also denkt: „Ich würde so gerne mitmachen, aber ich trau mich nicht!“ – wir verstehen das! Wir kennen das! Sprecht mit uns! Mit den neuen Räumen kommen (hoffentlich bald) auch neue Möglichkeiten – trauen wir uns gemeinsam, das macht es einfacher! Denn:

Wenn wir es jetzt nicht machen, dann machen wir es nie!